Hausgeburt: Wenn die sachliche Auseinandersetzung auf der Strecke bleibt

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Ist die Hausgeburt sicher? – so titelte jüngst ein Artikel In der Deutschen Hebammen Zeitschrift (2016, Ausgabe 68(6)). Und löst beim Leser Befremden aus: Denn während die Autorin des Beitrags den Hausgeburt-Kritikern Meinungsmache unterstellt, wirft sie selbst alle Prinzipien einer sachlichen Auseinandersetzung über Bord.

Die dem Beitrag zugrunde liegende Studie aus den USA sieht Hausgeburten kritisch – in Summe würden dabei die Nachteile die Vorteile überwiegen. Die Autorin des Artikels nimmt das Ergebnis der Studie zum Anlass festzustellen, dass „ein genauer Blick auf das Studiendesign zur Interpretation der Ergebnisse unerlässlich“ sei. Am Ende stellt die Autorin fest, dass die Meinungsbildung zur außerklinischen Geburtshilfe nicht rein rational geführt würde und „nicht unbedingt von wissenschaftlichen Ergebnissen, Sachlichkeit und Vernunft geprägt“ werde.

Die den Kritikern außerklinischer Geburtshilfe allerdings vorgeworfene „manchmal fast aggressive Ablehnung“ kann ich bei Betrachtung der Diskussion überwiegend nicht feststellen. Auffällig ist – für mich zumindest – hingegen die nahezu vorbehaltlose und vielfach unkritische und emotional geführte Argumentation pro außerklinische Geburtshilfe.

Völlig unkommentiert bleibt z. B. von der Autorin die Angabe, dass die Verlegungsrate bei außerklinisch begonnenen Geburten bei 16,8% (2012) bzw. 16,9% (2013) lag. Das bedeutet nichts anderes, als dass bei nahezu jeder 5. Geburt (!) die Verlegung in eine Geburtsklinik erfolgt ist bzw. erfolgen musste. Es wäre interessant zu erfahren, was jeweils hinter den offenbar erforderlich gewordenen Verlegungen stand: Wurden die Geburten zu Hause oder in Geburtshäusern begonnen, obwohl unter medizinischen Gesichtspunkten sich später realisierende Risiken bestanden, die das gar nicht erlaubt hätten? Kam es zu Komplikationen, die nicht mehr beherrscht werden konnten? Erfolgte die Verlegung so frühzeitig, dass Schäden beim Kind oder der Mutter vermieden werden konnten?

Zum Abschluss noch ein Zitat aus dem hier besprochenen Artikel, der seinerseits auf einen Beitrag von Frau Prof. Dr. Arabin in der Fachzeitschrift ‚Frauenarzt‘ Bezug nimmt: „Als Alternative zur verantwortungslosen außerklinischen Geburtshilfe entwerfen sie eine Art ‚geburtshilfliches Utopia‘, in dem Hebammen auf gleicher Hierarchieebene mit ÄrztInnen stehend interventionsarme Hebammengeburtshilfe in Krankenanstalten betreiben.“

Die Frage, ob so nach Auffassung der Autorin der Deutschen Hebammen Zeitschrift eine rein rationale Meinungsbildung, die von Sachlichkeit und Vernunft geprägt ist, aussieht, muss wohl nicht gestellt werden.

Den vollständigen Artikel „Ist die Hausgeburt sicher?“ – Deutsche Hebammen Zeitschrift 2016. 68 (6):58-60 – finden Sie hier.

Axel Näther
Fachanwalt für Medizinrecht,
Geburtsschadensrecht und Arzthaftung

 

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